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Rudolf Höber Strasse

Höbers Vertreibung von der CAU im Jahre 1933, Emigration in die USA

Rudolf Höber, der durch seinen Eintritt für Otto Baumgarten im Jahre 1930 in das Visier der Nationalsozialisten gekommen war, wurde am 24. April 1933 körperlich und politisch attackiert (zum Vorfall Baumgarten s. Lebenslauf Höber). Die Attacke erfolgte auf dem Weg vom Anatomischen zum Physiologischen Institut, einem Fußweg von etwa 200 Meter. Die Anatomischen und Physiologischen Institute lagen damals in dem Areal hinter dem Zoologischen Institut (heute Zoologisches Museum) und Universitätsbibliothek (heute Medizinhistorische Sammlung).

Nach Rücksprache mit dem Kurator der Universität berichtete Höber diesem am gleichen Tag brieflich über die Vorfälle. Parallel informierte er den Polizeipräsidenten von Kiel, Graf Rantzau.

Der Brief:
Der Direktor des Physiologischen Instituts                                     Kiel, den 24. April 1933


S. H. dem Herrn Kurator Universität Kiel
Euer Hochwohlgeboren,

Verabredungsgemäß berichte ich Ihnen über die Vorgänge dieses Morgens. Als Vorsitzender des Prüfungsausschusses für die ärztliche Vorprüfung war ich heute früh in der Anatomie als Beisitzer bei einer Wiederholungsprüfung. Auf dem Rückweg wurde ich in der Hegewischstrasse von 5 SS- und SA-Leuten und 2 Zivilisten angehalten, die mir in reichlich brüsker Form - es fielen Worte von zu gebrauchenden Handgranaten, von Gehorchen müssen, von Herrschen der Gewalt u. dgl. - mitteilten, ich habe, wenn ich nicht mein Leben gefährden wolle, die Diensträume des Instituts nicht mehr zu betreten, und habe nicht mehr das Recht, Prüfungen abzuhalten. Als ich erwiderte, dass ich als Vorsitzender auch an anderen Prüfungen teilzunehmen habe, wurde ich gezwungen, eskortiert von dem Trupp, in die Anatomie zurückzukehren, um gleich Professor Benninghof und dann den übrigen 4 Examinatoren in den übrigen 4 Instituten mündlich das Verbot mitzuteilen. In der Anatomie sahen die Leute in Gegenwart von Professor Benninghoff allmählich ein, dass diese mündliche Mitteilung keinen Sinn habe, und führten mich deshalb in das Physiologische Institut und entließen mich in meine Dienstwohnurig. – lm Institut war inzwischen folgendes vorgefallen: etwa 30 SS-Leute füllten den Korridor. Sie hatten bereits Privatdozent Dr. Netter aus dem Institut gewiesen, da er Jude sei; das Gleiche geschah kurz darauf mit dem gleichen Motiv mit Professor Mond; ferner ordneten sie an, dass auch diese Herren keine Prüfungen abhalten dürften. Ich benachrichtigte dann telefonisch sofort Herrn Polizeipräsidenten Grafen Rantzau, der mir zusagte, der Angelegenheit nachzugehen und mich heute nachmittag über das Ergebnis zu informieren.“

Der Bericht Höbers wurde mit der Zusatzbemerkung des Kurators, dass weder Rudolf Mond noch Hans Netter jüdischer Herkunft seien, an das Ministerium weitergeleitet. Der Minister antwortete, er nehme an, dass Höber wieder lehren würde. Ende Mai war Höber in der Tat wieder im Amt.

Nach der Machtergreifung erließen die Nationalsozialisten sehr schnell eine Reihe von Gesetzen, die die Gesellschaft umwälzten. Unter den vielen Gesetzen, Durchführungs- und Ergänzungsverordnungen für den öffentlichen Dienst hatte das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April eine Schlüsselrolle. Zu seiner Umsetzung musste Höber einen entsprechenden Fragebogen ausfüllen. Aus Sicht der Nationalsozialisten war er durch die jüdische Herkunft seiner beiden Großeltern väterlicherseits belastet. Außerdem war er für mehrere Jahre Mitglied des Reichsbarmers gewesen und hatte von 1919 bis zu seinem Austritt am a 31.3.1933 der Deutschen Demokratischen Partei angehört. Das Ergebnis der Beratungen mit Datum 23. September 1933 lautete lapidar: „ln den Ruhestand zu versetzen“. Obwohl sich die Medizinische Fakultät schriftlich beim Ministerium nochmals für Höber einsetzte und versuchte, für ihn eine Ausnahmegenehmigung zu wirken, blieb die Entscheidung bestehen.

Höber bemühte sich daraufhin um die Genehmigung, seinen Wohnsitz ins Ausland zu verlegen. Er wurde Ende Oktober 1933 auf die Initiative Archibald Vivian Hills am Department of Physiology an der Londoner Universität aufgenommen.

Die Nationalsozialisten zwangen 1933 und in den folgenden Jahren viele brillante Wissenschaftler zur Emigration, entweder weil sie Juden waren oder als politisch unzuverlässig galten. In Antwort darauf legte in Amerika das Institute of International Education, das als Stiftung nach dem Ersten Weltkrieg gegründet worden war, sofort das Programm „Emergency Committee in Aid of Displaced German Scholars“ auf, um die deutschen Wissenschaftler an Amerikanische Universitäten zu vermitteln. Das Committee suchte in Universitäten nach Positionen für die flüchtigen Deutschen, die dann von Rockefeller Foundation voll oder teilweise finanziert wurden. Für Höber wurde eine Reihe von Positionen angeboten, so von der Universität Chicago, California at Berkeley, Universität Tennessee und Universität von Pennsylvania. Höber entschied sich letztlich für die Medical School von Pennsylvania. Er konnte seine Familie nachkommen lassen und mit 60 Jahren eine neue Existenz aufbauen sowie seine wissenschaftliche Forschungstätigkeit bis in die mittleren 1940er Jahre fortführen.

Quelle:
Hoeber F. Hoeber, A Family Over Three Centuries. https://hoebers.wordpress.com/ Nitsche B. (2002) Die Geschichte des Physiologischen Instituts der Universität Kiel in der Zeit von 1911 bis 133. Inauguraldissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Ratschko K.-W. (2014) Kieler Hochschulmediziner in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Medizinische Fakultät der Christian-Albrechts-Universität im „Dritten Reich“. Klartext-Verlag Essen

Michael Illert, Physiologisches Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

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