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Hans Netter

Stofftransport über Zellmembranen des Körpers

  • 13. Juli 1899 geboren in Meißen

  • 1924 - 1937 Physiologisches Institut der Universität Kiel Habilitation für Physiologie (1927)

  • 1933 - 1945 Mitgliedschaft in der SA und verschiedenen nationalsozialistischen Organisationen.

  • 1937 - 1968 Professur für Physiko-Chemische Medizin und physiologische Chemie sowie Leitung des Institut für Physikochemische Medizin, später für Physiologische Chemie in Kiel

  • 1944 Zerstörung des Instituts und Verlegung nach Kappeln

  • 1945 Wiederaufbau des Instituts für physiologische Chemie und Physikochemie in der Olshausenstraße

  • 18. Oktober 1977 gestorben in Eutin

Netter im Jahr 1964
Quelle: Stadarchiv Kiel, Sig 33.416

1917-1924: Kindheit und Studium

Hans Netter wurde am 13.7.1899 in Meissen (Sachsen) als Sohn des Arztes Carl Netter und seiner Frau Margarethe Netter, geb. Jürgens geboren. Er besuchte das humanistische Gymnasium in Hameln und legte dort 1917 das Notabitur ab. Kriegshilfsdienst leistete er im pharmakologischen Institut der Universität Rostock. Er studierte 1918-23 in Rostock, Göttingen, Tübingen, Hamburg und Kiel Medizin und legte 1923 in Kiel das Staatsexamen ab. 1924 promovierte er dort im Physiologischen Institut bei Rudolf Höber „Über die Beeinflussung der Alkalisalzaufnahme lebender Pflanzenzellen durch mehrwertige Kationen“ und wurde dort Assistent.

1924-1945: Berufstätigkeit bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs

1927 habilitierte er sich für das Fach Physiologie mit der Arbeit „Über den Ruhestrom des Nerven und die I onenpermeabilität seiner Hüllen“. 1928 übernahm er zusammen mit Rudolf Mond die Vertretung des Faches „Physiologische Chemie“. 1933 wurde Netter außerplanmäßiger Professor. Nach dem Tod von Heinrich Schade wurde er 1935 zum kommissarischen Direktor des im Esmarch-Haus untergebrachten Instituts für physiko-chemische Medizin ernannt. 1937 Ordentlicher Professor für physiko-chemische Medizin und Physiologische Chemie und Direktor des Instituts für physiko-chemische Medizin (seit 1942 „Institut für physiologische Chemie“). Er musste in der Lehre neben seinem eigenen Fach auch die Physiologie und zeitweilig die Anatomie vertreten. Das am 24. August 1944 völlig zerstörte Institut wurde nach Kappeln/Schlei in die Landwirtschaftsschule verlegt. Es war dort in einem Haus gemeinsam mit dem Institut für Pharmakologie untergebracht und einer Zweigstelle des Instituts für Pharmakologie der Berliner Universität. Das Physiologisch-chemische Praktikum wurde dort weitergeführt

Mitgliedschaft in nationalsozialistischen Vereinigungen; Beratender Arzt der Luftwaffe

Netter trat im November 1933 in die SA ein, wurde 1935 Mitglied der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und des nationalsozialistischen Ärztebundes, 1937 der NSDAP und 1938 des nationalsozialistischen Dozentenbundes. 1939-45 war Netter Leiter einer flugmedizinischen Untersuchungsstelle und wurde in dieser Funktion zum Beratenden Arzt der Luftwaffe. Als solcher war er für die Luftwaffe Ansprechpartner in Fragen der Höhenanpassung der Piloten und wurde wiederholt zu Kommissionssitzung zugezogen (dazu eigene Darstellung).

1945-1967: Aufbau des Instituts für Physiologische Chemie; Emeritierung

Seit 1945 erfolgte der Wiederaufbau des Instituts für Physiologische Chemie in einem Gebäude der ELAC, in dem auch das Physiologische Institut untergebracht war. Netter konsolidierte den Forschungs- und Lehrbetrieb und war in der Fakultät ein wichtiger Ansprechpartner. Er wurde 1952/1953 zum Dekan gewählt. Netter war Mitglied der Leopoldina Albertina.

Netter wurde 1968 emeritiert. Er verstarb am 8.11.1977 in Eutin.

Das wissenschaftliche Werk

Die physikalische Biochemie stand im Mittelpunkt seiner Forschungen. Bereits 1923 erkannte er den Zusammenhang zwischen der Membranzusammensetzung und der Membranpermeabilität. Durch Anwendung der Michaelis-Menten-Kinetik zeigte er, dass es für viele Transportvorgänge eine Sättigungskinetik gibt. Er beschrieb zuerst das Modell des „Carriers“ und definierte den „aktiven Transport“. Studien über die Permeabilität der Membranen und Nerven, Muskel und Erythrozyten führten zu präzisen Vorstellungen über die Vorteilung von Kationen, insbesondere von Kalium und Natrium, aber auch von Anionen und lieferten die Grundlagen für die späteren Modelle der Erregbarkeit von Membranen. Weitere Studien galten den „Hofmeisterschen Reihen“ über die Löslichkeit und Denaturierung von Proteinen, den „Donnan-Gleichgewichten“ und der Bindung von Sauerstoff und Kohlendioxid an das Hämoglobin, die der Klärung des „Bohr-Effektes“ dienten und als eine frühe Formulierung allosterischer Mechanismen anzusehen sind. Während des Krieges wurden in Zusammenarbeit mit H. Luft und U. Strughold atmungsphysiologische Arbeiten sowie Studien zur proteinfreien Ernährung und zur biologischen Wertigkeit von Proteinen durchgeführt. Netter war ein guter Experimentator und hat auch auf methodischem Gebiet Bedeutendes geleistet. Dazu zählt insbesondere die Wiederentdeckung und Weiterentwicklung der von Fritz Haber erfundenen Glaselektrode und Verteilungsmessungen von radioaktiv markiertem Kalium mit selbstentwickelten Zählrohren, die ganz am Anfang der Verwendung von Radioisotopen standen. Vor allem Netters frühe Arbeiten, in denen grundlegend neue Konzepte entwickelt wurden, blieben lange unbeachtet oder wurden erst während des Zweiten Weltkriegs in England bzw. den USA wiederentdeckt, ohne dass Netter dafür entsprechend gewürdigt worden wäre. Eine Gesamtdarstellung der physikalischen Grundlagen der Biochemie gab er 1959 in seiner „Theoretischen Biochemie“.|

Quellen: Holldorf, August W., "Netter, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 87 f. [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/ppn138380589.html

Netter, K. J. Hans Netter. Seine Gedichte und seine Geschichte. Marburg 2002
Aus beiden Quellen wurden Auszüge für die Darstellung übernommen.

Prof Dr. Dr. h.c. Michael Illert, Physiologisches Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel