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Heinrich Irenaeus Quincke

Ein vielseitiger Internist, der den Krankheiten auf den Grund ging

  • 26. August 1842 geboren in Frankfurt an der Oder

  • 1867-1873 Klinik für Innere Medizin der Universität Berlin (Prof. Dr. Frerichs), Habilitation für Innere Medizin

  • 1873-1878 Professur für Innere Medizin der Universität Bern. Direktor der Klinik für Innere Medizin

  • 1878-1908 Professur für Innere Medizin und Direktor der Medizinischen Klinik der Universität Kiel. Rektor der CAU 1900-1902

  • 19. Mai 1922 gestorben in Frankfurt am Main

Heinrich Irenaeus Quincke im Jahre 1903
Quelle: Album mit Photographien Kieler Professoren:
Ehrengabe für den scheidenden Kurator Dr. Heinrich Chalybäus [ca.1903] (UB Kiel, Cod. ms. KB 478).
mit freundl. Genehmigung der Universitätsbibliothek Kiel

Vor 100 Jahren war Quincke einer der führenden Ärzte in Europa, mehrfach wurde er für den Nobelpreis vorgeschlagen. Er war einer der letzten führenden Internisten, der das Gebiet der nicht-chirurgischen Medizin in der gesamten Breite und kompetent vertrat.

Ausbildung

Quincke wurde am 26. August 1842 in Frankfurt an der Oder als jüngster von 4 Söhnen geboren. Sein Vater war Arzt. Seine Mutter entstammte einer hugenottischen Familie. Die Erziehung folgte protestantisch-preußischen Idealen. In Berlin besuchte er das Friedrich-Werdersche Gymnasium und erlernte parallel das Tischler-Handwerk. Ab dem Wintersemester 1858/59 studierte Quincke Medizin in Berlin, Würzburg und Heidelberg. Er hörte Vorlesungen in Chemie bei Bunsen, Physik bei Kirchhoff, Physiologie bei Helmholtz, Pathologie bei Virchow und Chirurgie bei v. Langenbeck. 1863 promoviert er in Berlin bei C.G. Mitscherlich. Die Atmosphäre jener Zeit beschrieb er mit den Worten „es war die Morgendämmerung eines neuen Tages“.

Nach dem Militärdienst und einer einjährige Bildungsreise nach Wien, Paris und London tritt er 1866 in der chirurgischen Abteilung des Diakonissenkrankenhauses Bethanien in Berlin ein. Seine Ausbildung zum Internisten erhält Quincke in der Medizinischen Klinik der Charité in den Jahren 1867 – 1871, die damals von Theodor v. Frerichs geleitet wurde. Nach der Habilitation folgt er 1873 dem Ruf auf das Ordinariat für Innere Medizin nach Bern und 1878 auf den Lehrstuhl für Innere Medizin nach Kiel, den er über 30 Jahre inne hatte.

Wissenschaftliche Verdienste

Besonders die Einführung der Lumbalpunktion hat seinen Namen berühmt gemacht, da sie die Diagnostik und Therapie neurologischer Erkrankungen revolutioniert hat. Die Technik der Lumbalpunktion hatte er zuvor in Hundeversuchen entwickelt.

Auch mit der chirurgischen Behandlung von Lungenabszessen gelangen Quincke weitere bahnbrechenden Fortschritte. Durch Verkleben des Pleuraspaltes kollabierte die Lunge nicht beim Eröffnen des Brustkorbes. Die Abszesshöhle konnte so saniert werden. Er erkannte aber auch, dass tuberkulöse Kavernen ausheilen, wenn sie kollabieren und führte so eine relativ effektive Therapie der Lungentuberkulose ein, die erst mit der Einführung der medikamentösen Therapie verlassen wurde. Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie zeichnete Quincke wegen dieser Verdienste wohl als einzigen Internisten mit der Ehrenmitgliedschaft aus.

Auf einer Reihe weiterer Gebiete der Medizin hat Quincke wichtige Beiträge geleistet. So beschrieb er als erster das Angioödem, das seine Namen trägt und verfasste Arbeiten zu Herzklappenerkrankungen, zum Eisenstoffwechsels, über den Ikterus (Gelbsucht), den Typhus, den Diabetes mellitus und den Zerfall der roten Blutkörperchen.

Anerkennung

Seine Arbeit hat breite Anerkennung gefunden. Er war Präsident des Internistenkongresses 1899, wurde zum Mitglied in die Leopoldina berufen und erhielt noch als 64 Jähriger einen Ruf auf den Lehrstuhl nach Wien, den er ablehnte, wie auch zuvor ergangenen Rufe nach Jena (1874) und Königsberg (1898). Quincke wurde seit dem Jahre 1909 mehrfach für die Verleihung des Nobelpreises nominiert. Die Verleihung 1909 wurde abgelehnt, weil die Beschreibung der Lumbalpunktion bereits 18 Jahre zurück lag. Die letzten Nominierungen in den Jahren 1920 und 1922 wurden abgelehnt, weil der Geehrte mit 76 bzw. 78 Jahren als zu alt empfunden wurde.

Quincke engagierte sich in der akademische Verwaltung. Viermal in den Jahren 1880/81, 1887/88, 1894/95 und 1907/08 war er Dekan der Medizinischen Fakultät und wurde 1900 zum Rektor der Universität ernannt. Die bauliche Weiterentwicklung der Medizinischen Klinik lag ihm sehr am Herzen. Jedoch erst nach seiner Emeritierung wurde ein Neubau genehmigt.

Emeritierung

Nach seiner Emeritierung im Jahre 1908 siedelte die Familie nach Frankfurt am Main um. Im ersten Weltkrieg vertrat er für zwei Jahre in der neu gegründeten Johann-Wolfgang-Goethe-Universität den Ordinarius für Innere Medizin und kümmerte sich im Feldlazarett um verwundete Soldaten. Der verlorene Krieg traf die Familie wirtschaftlich, das Schicksal seines Vaterlandes belastete ihn schwer, mit der Neugestaltung der meisten Dinge in Deutschland konnte er sich nicht abfinden. Am 19. Mai 1922 schied Heinrich Irenaeus Quincke freiwillig aus dem Leben.

Prof. Dr. U. Kunzendorf, Klinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrecht-Universität zu Kiel